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25 Jahre Müllheizkraftwerk Ulm-Donautal

Vom umstrittenen Langzeitprojekt mit mehreren Anläufen zum Stolz einer ganzen Region: Das Müllheizkraftwerk Ulm-Donautal hat eine umfangreiche und bewegte Geschichte, die weit vor die tatsächliche Eröffnung der Anlage zurückreicht.

 

„Sagen Sie mir, wo ich den Müll hinbringen soll…“

Die (Vor-)Geschichte des MHKW Ulm-Donautal

Gesellschaften, die in größeren Mengen Müll produzieren, sind ein Phänomen der jüngeren Geschichte. Über Jahrtausende bestanden Abfälle hauptsächlich aus organischen Stoffen, die im Laufe der Zeit von selbst verrotteten. Gegenstände aus beständigeren Materialien wie Papier, Glas, Holz, Leinen oder Metall waren von hohem Wert und wurden nach Möglichkeit wiederverwendet.

Mit dem Entstehen der modernen Massenkonsumkultur und der Erfindung von Kunststoffen wuchsen die Müllberge stark an, was massive hygienische Probleme verursachte. Mehrere verheerende Choleraepidemien im späten 19. Jahrhundert unterstrichen die Notwendigkeit einer systematischen Abfallentsorgung. 1876 entstand die erste Müllverbrennungsanlage in Großbritannien, 1895 die erste in Hamburg.

Auch in der Region um Ulm lässt der steigende Konsum die Müllberge immer größer werden und die Geschichte der Müllheizkraftwerks Ulm-Donautal beginnt…

1908 – 1911 diskutiert auch der Ulmer Gemeinderat den Bau einer Müllverbrennungsanlage, vertagt das Thema aber nach dreijähriger Beratung und zunehmendem Widerstand aus der Bevölkerung.
1957 Durch das Wirtschaftswunder verdoppeln sich die Müllmengen innerhalb kürzester Zeit. Statt als lose Ware im Tante-Emma-Laden stehen Lebensmittel nun abgepackt in den Supermarktregalen. Gleichzeitig ersetzen immer öfters Zentralheizungen die Kohleöfen, die von vielen Menschen zur Müllentsorgung genutzt wurden. Der Platz auf den Deponien wird knapp – auch in Ulm und Neu-Ulm. Die beiden Städte diskutieren eine gemeinsame Lösung.
1966 Die „Egginger Sandgruben! eröffnen. Bis 1988 werden dort Abfälle aus Ulm, Neu-Ulm und dem Alb-Donau-Kreis abgelagert. Die Deponie kommt schnell an ihre Grenzen, immer größere Mengen müssen auf anderen Deponien entsorgt werden. Diese Art der Müllentsorgung stinkt nicht nur, sie ist alles andere als umweltfreundlich: Gase treten aus und tragen zur Luftverschmutzung bei, der Regen spült giftige Stoffe ins Grundwasser.
Deshalb beginnen Ulm, Neu-Ulm, der Alb-Donau-Kreis sowie angrenzende Landkreise nach langfristigeren Möglichkeiten der Müllentsorgung zu suchen.

Die Idee, ein Müllheizkraftwerk zu bauen, löst aber massiven Widerstand in der Bevölkerung aus…

1979 beschließen Ulm, Neu-Ulm und der Alb-Donau-Kreis ein Müllheizkraftwerk im Industriegebiet Ulm-Donautal zu bauen. Der BUND startet gleichzeitig eine Kampagne gegen diese Pläne und warnt in dramatischen Worten vor schweren gesundheitlichen Gefahren. In der Folge lehnt der Ulmer Gemeinderat den Bau ab.
1984 In der Folge quillt die Ulmer Deponie in Eggingen sprichwörtlich über. Die Eröffnung der Deponie Litzholz bei Ehingen soll Entlastung schaffen, trotzdem müssen weiterhin rund 60 Prozent des Mülls im Ausland deponiert werden.
1987 In dem Bewusstsein, dass eine Gesellschaft den Müll, den sie verursacht, auch selbst entsorgen sollte, wagen der Stadtkreis Ulm und der Alb-Donau-Kreis einen zweiten Anlauf einer „Müll-Ehe“. Sie schreiben einen Wettbewerb aus, der das beste Verfahren der Müllverbrennung ermitteln soll. Es gewinnt ein Konzept, das auf den drei Grundpfeilern „Vermeidung – Verwertung – Restmüllverbrennung“ basiert und die Verbrennung des Mülls auf einem Rost vorsieht.
1988 Nach einem Beschluss des Regierungspräsidiums Tübingen muss die Egginger Deponie aus umweltschutzrechtlichen Gründen endgültig schließen. Der gesamte Müll wird nun nach Frankreich gebracht. Im Dezember entscheiden sich der Gemeinderat von Ulm und der Kreistag des Alb-Donau-Kreises für den Bau einer Müllverbrennungsanlage mit Kosten in Höhe von rund 88 Mio. DM. Daraufhin wird beim Regierungspräsidium Tübingen das Planfeststellungsverfahren für die Anlage nach Abfallrecht beantragt.
1991 Der Stadtkreis Ulm und der Alb-Donau-Kreis gründen den Zweckverband „Thermische Abfallverwertung Donautal“ (TAD) und beauftragen der „Fernwärme Ulm GmbH“ mit der Betriebsführung der geplanten Müllverbrennungsanlage. Die Idee dahinter ist höchst nachhaltig: Die durch die Müllverbrennung entstehende Wärme soll in das Netz der FUG fließen − aus Müll wird Energie!
1992 Währenddessen formiert sich der Widerstand: Eine Bürgerinitiative gegen das Müllheizkraftwerk entsteht und liefert ihre Einsprüche direkt im Rathaus ab. Im August 1992 beschließt Frankreich allerdings, keine Abfälle aus dem Ausland mehr anzunehmen und in der Region bricht der Müllnotstand aus: Die Abfälle türmen sich auf den Deponien, es wird recycelt und in andere Landkreise umgelagert, was die Entsorgungskosten explodieren lässt. Weil immer mehr Menschen ihre Abfälle heimlich in öffentlichen Mülleimern entsorgen, lässt die Stadt Ulm diese abmontierten.
1993/94 Trotz der Ernsthaftigkeit der Situation reichen die Gegner des Müllheizkraftwerks Klage ein. Trotz des laufenden Verfahrens und anderer Protestaktionen erfolgt im Juni 1994 im Donautal der erste Spatenstich.
1995 wies der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg die Klagen gegen das Müllheizkraftwerk endgültig ab. Ein Jahr später wird auf der Baustelle das Richtfest gefeiert.
1997 Im Januar 1997 nimmt das MHKW Ulm-Donautal den Probebetrieb auf. Ende des Jahres läuft es dann unter Volllast.

 

Ende gut, alles gut − eine Bilanz…

Inzwischen gehören dem TAD auch die Landkreise Heidenheim, Sigmaringen und Biberach sowie die Stadt Memmingen an. Das Einzugsgebiet umfasst damit mehr als eine Million Einwohnerinnen und Einwohner. Auf Vertragsbasis entsorgen außerdem der Landkreis Tuttlingen und der Ostalbkreis Haus- und Sperrmüll im MHKW Ulm-Donautal, das seit ein paar Jahren abgeschrieben und abbezahlt ist.

Seit Eröffnung der Anlage wurden dort mehr als 3,5 Millionen Tonnen Abfall verbrannt und das auf sehr nachhaltige Weise: Als Energiequelle deckt das MHKW in Verbindung mit dem Wärmespeicher mittlerweile rund 87 Prozent des Wärmebedarfs der Fernwärmenetze im Donautal und in Wiblingen. Durch die Einspeisung der ökologischen Fernwärme aus dem MHKW von mehr als 140.000.000 kWh pro Jahr ist es gelungen, die fossilen Brennstoffe Öl, Gas und Kohle fast vollständig zu verdrängen. Das MHKW Ulm-Donautal leistet so einen aktiven Beitrag zur Reduzierung von CO2. Gleichzeitig erzeugt die Anlage auch Strom, welcher in das Netz der Stadtwerke Ulm abgegeben wird − etwa soviel, wie 9.500 Haushalte zusammen im Jahr durchschnittlich verbrauchen.

Da die Anlage immer mit großem Aufwand auf dem neusten Stand der Technik gehalten wurde, gehört das MHKW zu den Kraftwerken mit den niedrigsten Emissionen weltweit. Die bei der Verbrennung entstehende Schlacke kann vollständig verwertet oder recycelt werden.